Karina Wisniewska

Glades

When Karina Wisniewska steps into a forest glade, she intuitively senses an elemental structure behind things. It is similar to the way that Paul Cézanne saw geological and geometrical patterns in Mont Ventoux, and it lends rhythm to the landscape. (...) Suddenly and unexpectedly, the artist sees the landscape behind the landscape. She draws out her camera and readies it for action. She works with multiple exposures and exposure times of several seconds. Click. Something new is born.

The pictures depict the metamorphoses of various forest scenes, a magical symbiosis of nature and the artist’s inner vision. In some of the forest pictures, the sense of space is dominated by a commanding structure of horizontal and vertical forms. In others, there is only an intuition of the forest. Still, we sense the real image – yet it is different, it has depth, embraces the past and the present and hints at the future.

Again and again, we are drawn deep into the pictures: to the forest floor with its mosses, ferns and grasses, up into the blue of the sky shimmering through the branches. Karina Wisniewska’s works are complex, vibrant and forever in motion.

Roy Oppenheim, Publicist

Forest is body, the body of breath

Forest is a place. A place beyond civilisation. Once endowed with the nimbus of the untouched, of the untouchable. Interwoven with danger and mystery. The forest whispers, the forest tells us stories. Fairy tales, obscurities, miracles. Forest is without light, at least in its lower depths: the sky is above the treetops. We stand in the forest as if imprisoned, enfolded: only after we leave does it become a special place.

In Karina Wisniewska’s images, which are primarily photographs, the forest emanates magic. Through the conscious use of blurring, which is more than double exposure: a force radiated more by the person than the camera, it assumes space through light. Through exposure – to the sun. The sun falls into the forest, is transformed into light, and becomes a “clearing”. Rays of sunlight bless tree trunks, branches, twigs and leaves with rhythm, transforming them into a symphony of sounds and colours, even of smells. Forest is not tree: forest is body. The body of breath.

Our lives are as intensive as cell division. Perhaps spring, when Nature comes back to life, is the ideal time to understand the work of an artist who has complete faith in herself and in this way acquaints us with things that are bigger than ourselves.

The forest as a living creature in another, curative dimension: that is the message Karina Wisniewska’s photographic work offers us. Enter into it.

Guido Magnaguagno, Curator

«Glades» («Lichtungen») und andere Foto-Serien von Karina Wisniewska 

Karina Wisniewska ist eine Suchende; sie findet immer wieder Neues, das sie zu künstlerischen Abenteuern inspiriert. Sie ist ein Kind unserer Moderne, die mit den Instrumenten, die ihr zur Verfügung, umzugehen weiss. Waren es früher Musik- und Malinstrumente – sie war bis 2000 eine renommierte Konzertpianistin -, sind es heute neue Medien. Etwa der Fotoapparat. Und Karina Wisniewska setzt das Instrument nicht allein dazu ein, um sinnliche Realität festzuhalten; sie sucht neue Wege, um die Realität medial zu hinterfragen, auszuloten, als „Erweiterung von uns selbst“ (Marshall McLuhan). Die neuen Arbeiten mit Fotografie lösen einen Entwicklungsschub aus und führen schliesslich zu einer eigenen, neuen und eingängigen Bildsprache.

Karina Wisniewska begibt sich gerne in die reale Welt, lässt diese auf sich wirken. Der tägliche Spaziergang führt die Künstlerin oft in die unmittelbare Umgebung mit ihren zauberhaften Wäldern. In jedem von uns weckt das Thema des Waldes andere Assoziationen. Das Spektrum ist breit: Es reicht von der Romantik mit Caspar David Friedrich über den Waldmythos, der im Wald die unverfälschte Natur zelebriert, bis zum erotischen, dämonischen oder heiligen Schauplatz. Als eigentümlicher Sehnsuchtsort hat der Wald auch in der digitalen Ära Bestand.

Das Thema könnte somit in Klischees abgleiten. Karina Wisniewska, die gebildete, geschulte Pianistin, die Kulturphilosophin, weiss um diese Gefahr. Routine darf Spontaneität und Improvisation nicht beeinträchtigen; auch nach der hundertsten Aufführung muss Musik in der Gegenwart des Erklingens zu ihrer bestmöglichen Verwirklichung finden. – So nähert sich die Künstlerin ihren neuen Themen mittels einer frischen, neuen, unbelasteten Wahrnehmung. Beim Gang in die Wälder erahnt Karina Wisniewska intuitiv eine Grundstruktur hinter den Dingen, ähnlich wie Paul Cézanne bei der Betrachtung des Mont Ventoux geologische, geometrische Muster erkennt, welche der Landschaft einen Rhythmus verleihen. Bekanntlich sehen wir nicht nur, was sich unserem Auge offenbart, wir sehen auch, was wir wissen, in uns tragen. Karina Wisniewska sieht die möglichen Energien, Handlinien der Natur, die Wege. Oft weiss sie noch nicht, wohin diese Pfade sie führen. Plötzlich, unerwartet, erkennt die Künstlerin neue innere und äussere Kraftlinien und ahnt die Landschaften hinter den Landschaften. Sie zückt den Fotoapparat, setzt ihn in Bewegung. Die Künstlerin arbeitet mit Langzeitbelichtung von mehreren Sekunden. Click. – Etwas Neues ist entstanden.

Oberflächlich gesehen mag die Breite von Karina Wisniewskas Wirken irritieren: eine hochbegabte Pianistin, eine virtuose Malerin, eine begnadete Fotografin. Wisniewska schöpft aus ihrem erworbenen inneren Schatz, aus der intensiven intellektuellen und emotionalen Auseinandersetzung mit Kunst, seit ihrer frühen Jugend. Assoziationen aus Werken der Literatur, der Musik, der Fotografie, der Malerei, des Films blitzen immer wieder auf. Dank eines alles bestimmenden Gestaltungswillens lassen sich damit ganz verschiedene Dimensionen zusammenbringen. Auch Elemente aus der westlichen und fernöstlichen Kultur. Dank der eigenen Kreativität erhalten die neuen Schöpfungen schliesslich ein Eigenleben, eine innere Autonomie, eine eigene bildnerische Realität. Sie berühren uns wie Klangbilder, wie die Verse eines Gedichts und sprechen unmittelbar zu uns. Und da und dort packt uns auf einmal etwas, wirft uns aus unserem täglichen Selbst und reisst uns fort wie der göttliche Wirbelwind die Propheten in eine jenseitige Welt. Ortega y Gasset kommt uns in den Sinn: „Kunst ist nicht denkbar ohne Ekstase, was wörtlich ausser sich sein heisst.“

Diese Foto-Serien wirken erfrischend, anders als alles, was wir bislang von der Künstlerin gesehen haben. Und immer wieder werden unsere Blicke in die Tiefe der Bildräume gezogen. An den Waldboden mit seinen Moosen, Farnen, Gräsern. Oder in die Höhe in das Blau des unendlichen Himmels, der durch das Geäst schimmert. Karina Wisniewskas Werke sind vielschichtig, vibrierend, stets in Bewegung. Die Formen und Farben verändern sich laufend; das Fliessende wird zu einer Konstante. Panta rhei, omnia fluunt. – Im bisherigen Schaffen, das zwischen Musik, Malerei, Kalligraphie und neuerdings Fotografie oszilliert, entdecken wir verbindende Leitmotive: fundiertes Kunstverständnis, Auseinandersetzung mit Klangwelten, Naturliebe, Tiefenwirkung, Gestaltungswille. Aber auch Musikalität, Poesie, Ästhetik.

Karina Wisniewskas sagt: Meine Bilder entdecken die Welt als Widerhall, als Klangwelt, ertasten unseren Resonanzraum. Sie wissen um den Zusammenhang der persönlichen Ausdruckswelt mit dem Universellen sowie die Vertrautheit des Wiedererkennens. Die Erinnerung an eine Form von Vollkommenheit gibt ihnen den Klang und den Glauben, dass es einen Punkt gibt, wo das Drinnen und das Draussen, das Nahe und das Ferne, das Kleine und das Grosse, das Dingliche und das Seelische zur Deckung kommen.“

Damit verweist die Künstlerin auf menschliche Grunderfahrungen und auf das Verständnis für die menschliche Existenz, welche diesem Werk zugrunde liegen. Wisniewska setzt sich seit ihrer Jugend aktiv mit dem Kunstschaffen anderer Völker und Epochen ebenso wie mit der aktuellen Kunstszene auseinander. Auch im neuesten fotografischen Schaffen lässt sich eine innere Verbindung zwischen ihrer eigenen Kunst und der universellen Weltkunst erahnen. Dabei steht Karina Wisniewska erst am Anfang einer neuen Phase; sie arbeitet unablässig, lotet ihren Gestaltungsraum immer wieder von Neuem aus, erweitert die Möglichkeiten, konzentriert und verdichtet das Errungene und bereichert damit das schon Erschaffene.

Roy Oppenheim